VEB Kaltwalzwerk und Wendezeit
Das Kaltwalzwerk Oranienburg (KWWO) gilt als Nachfolgebetrieb der traditionsreichen Firma Heintze & Blanckertz und steht exemplarisch für die wechselvolle Industriegeschichte des Standorts. Seine Wurzeln reichen bis zu der 1912/13 errichteten Zweitniederlassung des Unternehmens zurück, das 1849 in Berlin gegründet wurde und sich ursprünglich auf Bürobedarf und später auf Stahlfedern spezialisiert hatte.
Bereits in der Zwischenkriegszeit geriet der Standort unter starken wirtschaftlichen Druck. Infolge der Weltwirtschaftskrise wurden 1929/30 große Teile der Belegschaft entlassen. Ab 1937 erfolgte die Umstellung auf Rüstungsproduktion. Zwischen 1941 und 1945 kamen zudem Zwangsarbeiter zum Einsatz. Am 22./23. April 1945 wurde das Werk schließlich durch Kampfhandlungen stark zerstört.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann eine neue Phase unter sowjetischer Besatzung. 1945/46 wurde das Werk beschlagnahmt und große Teile der technischen Anlagen als Reparationsleistung in die Sowjetunion demontiert. Bereits 1946 erfolgte die Verstaatlichung. In den folgenden Jahren entwickelte sich der Standort innerhalb der DDR weiter: Ab 1947 firmierte er als „VEB Federnfabrik“, ab 1951 als „Kaltwalzwerk“. Später wurde das Gelände in größere Kombinate integriert, unter anderem in das VEB Bandstahlkombinat „Hermann Matern“.
In den folgenden Jahrzehnten wurde der Standort mehrfach erweitert und umgenutzt. Neben klassischer Metallverarbeitung wurden auch Konsumgüter produziert. Die Belegschaft wuchs zeitweise auf über tausend Beschäftigte. Gleichzeitig blieb der Betrieb stark in die zentral gesteuerte Wirtschaftsstruktur der DDR eingebunden.
Nach der politischen Wende 1989/90 begann eine kurze Phase der Neuordnung. 1990 übernahm die Krupp Stahl AG den Betrieb, zeitweise in Zusammenarbeit mit Thyssen. Der Standort firmierte unter anderem als Krupp Stahl Oranienburg GmbH (1990–1993). Trotz dieser Versuche einer wirtschaftlichen Stabilisierung konnte sich das Werk jedoch nicht dauerhaft behaupten. Gründe waren unter anderem Qualitätsprobleme in der Produktion, hohe Investitionskosten, Fachkräftemangel sowie ein insgesamt schwieriger Marktübergang in der Nachwendezeit.
Bereits Mitte der 1990er Jahre wurde die Produktion eingestellt. Es folgten Demontage und Verkauf von Anlagen, teilweise auch ins Ausland. 1996 wurde das Werk schließlich in weiten Teilen abgerissen. Auf dem Gelände entstand in der Folge das Einkaufszentrum „Oranienpark“.
Das Kaltwalzwerk steht damit beispielhaft für die industrielle Entwicklung des 20. Jahrhunderts in Oranienburg – von den frühen Produktionsstrukturen über die Umbrüche der politischen Systeme bis hin zum vollständigen Verschwinden eines Großbetriebs zugunsten neuer städtischer Nutzung.
Für die historische Aufarbeitung und Bilddokumentation nutzen wir teilweise Archivmaterial des Regionalmuseums Oberhavel. Vielen Dank für die Unterstützung bei der Sichtbarmachung der Geschichte des Oranienwerks.